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Handelsblatt – 15. Juni 2001

THE RAKE'S PROGRESS

DROLLIGE SCHURKEN

von Hans Berndt

Leicht, doch keineswegs zu leicht genommen haben Flimm, Helnwein und Metzmacher das dreistündige Moralmärchen des Igor Strawinsky. Die hanseatischen Opernfreunde, enttäuscht von mehreren Regie-Fehlgriffen, jubeln diesmal unbeschwert.
Einen Jux machen wollen sich die Herren Helnwein und Flimm.
Das gelingt ihnen. Absurd komisch gerät Toms Eheschließung mit Baba, dem vollbärtigen Zugstar vom Rummelplatz, grotesk die Versteigerung seiner Habe nach der geplatzten Luftnummer am Aktienmarkt. Leichte Regiehand lenkt selbst das Kartenspiel mit Teufel Nick, bei dem der Taugenichts sein Leben gewinnt, aber den Verstand verliert. In Zeitlupentempo bricht zwar die Irrenhauswand über Tom und Anne zusammen.
Doch die Epilog-Moral tönt wieder versöhnlich.

Gottfried Helnwein, der Wiener Maler und Theaterausstatter, spielt gern den Bürgerschreck. Nicht so jetzt in der Hamburger Staatsoper. Mit bunten Kostümen, drolligen Dekorationen und wechselnden Lichtbildern begleitet er "The Rake's Progress", den abschüssigen Karriereweg eines entgleisten Bürgersohns.

Überraschend fällt das Ergebnis zwar phantasievoll, doch recht harmlos aus. Die Bühne: ein schlichter Schaukasten mit einer von Türen unterbrochenen Seitenwand und Videoprojektionen, die Rakewells Hirngespinste andeuten sollen.

Ein karikierender Kupferstichzyklus des britischen Künstlers William Hogarth von 1733 hatte Igor Strawinsky zu seiner volkstümlichen Nummernoper angeregt. Jürgen Flimm inszeniert sie als Moralmärchen mit sanft ironisch erhobenen Zeigefinger. Der verweist auf die Zeitnähe mancher Schurkerei, bohrt aber nie tief.

Nach Bänkelsangmanier betont die Aufführung den Sinn der Personennamen. A der Seite der niedlichen Anne Truelove (Treue Liebe) harkt Tom Rakewell (Harke gut) eher unlustig im kargen Gartenidyll. Da kommt ihm der Höllenrot gewandete Bursche Nick Shadow (Teufels Schatten) mit der Kunde von einer Erbschaft höchst gelegen. In London landet Tom zwischen kahlköpfigen Schlägern im rotbraunen Lederdress und barock kostümierten Bordellmädchen der Mother Goose (Mutter Gans) im Federkleid.

Einen Jux machen wollen sich die Herren Helnwein und Flimm. Das gelingt ihnen. Absurd komisch gerät Toms Eheschließung mit Baba, dem vollbärtigen Zugstar vom Rummelplatz, grotesk die Versteigerung seiner Habe nach der geplatzten Luftnummer am Aktienmarkt. Leichte Regiehand lenkt selbst das Kartenspiel mit Teufel Nick, bei dem der Taugenichts sein Leben gewinnt, aber den Verstand verliert. In Zeitlupentempo bricht zwar die Irrenhauswand über Tom und Anne zusammen. Doch die Epilog-Moral tönt wieder versöhnlich. Moralmärchen tun nicht weh. Strawinsky, kein Freund des Musikdramas in Wagners Nachfolge, pflegt in seiner vorwiegend tonalen Partitur, an der Kenner "das melodische Lächeln" rühmen, einen Pluralismus der Stile. Der Komponist greift zurück auf Notenmaterial der Vergangenheit, baut Anspielungen auf Barockmeister wie Gluck und Händel ein. Klar bleibt dabei die eigene Linie. Freunde klassischer Opernform hören Arien, Ensembles, Chöre und Rezitative mit Cembalo-Begleitung. Sie erinnern deutlich an Mozart, dessen Melodik, Harmonik und Rhythmik Strawinsky sich nähert.

Toben und flüstern, donnern und streicheln kann seine Musik. Ingo Metzmacher, Hamburgs ehrgeiziger Musikchef, streitet vorbildlich für die Moderne. Nach leicht wackeligem Einstieg dirigiert er "The Rake's Progress" rhythmisch federnd und ohrschmeichelnd. Weil der Komponist in diesem Werk mit Dissonanzen spart, die das Libretto von Wynston Hugh Auden und Chester Kallman durchaus böte, schleicht sich eine gewisse Glätte ein. Aus der Zurückhaltung, mit der Metzmacher die Philharmoniker lenkt, ziehen die Solisten Nutzen. Nur Bruce Fowlers schmaler Tenor reicht für die Hauptpartie des Rakewell kaum aus. Als Darsteller bleibt er im Schatten des Nick Shadow. Dem teuflischen Verführer leiht Davit Pittsinger die Fülle seines Bassbaritons und glänzende Spiellaune. Rollengerecht stattet die puppenhaft eingekleidete Gabriele Rossmanith die Anne mit mädchenhaft hellem Sopran und gewinnender Naivität aus.

Leicht, doch keineswegs zu leicht genommen haben Flimm, Helnwein und Metzmacher das dreistündige Moralmärchen des Igor Strawinsky. Die hanseatischen Opernfreunde, enttäuscht von mehreren Regie-Fehlgriffen, jubeln diesmal unbeschwert.